Die Blutschuld – Frank O‘Rourke

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Die Blutschuld von Arroyo Hondo – Frank O’Rourke

Rezension


Leseversion: DIE BESTEN WESTERN TB
Originaltitel: Violent Country (1959)
Verlag: Pabel
Übersetzung: Matthias Kallmuth
Veröffentlicht: 1985
Status: Nachdruck
Erstauflage: ?
Seiten: 159

Autor: Frank O’Rourke
Realname: Frank O’Rourke

Galerie Fazit

Veröffentlicht: 5.2.2022

Rezension von Gottfried Marbler

Hintergrund

Familienfehden gab es nicht nur zur Zeit des Wilden Westens, sondern wohl seit es „denkende Menschen“ gibt. Unsere südlichen Nachbarländer sind dafür berüchtigt. Und es gibt sie auf jeden Fall auch heutzutage noch. In diesem Taschenbuch wird sehr gut beschrieben, aus welch nichtigem Anlass solche Blutfehden entstehen (können), die ganze Familien mit der Zeit ausrotten, wenn es niemand gelingt, dem Wahnsinn ein früheres Ende zu bereiten.

Inhalt

Gus Stedman betreibt einen beliebten Store im kleinen Städtchen Arroyo Hondo, nicht weit von Taos, New Mexico, entfernt. Auch gibt es bei gewissen Gelegenheiten in der heißen Zeit immer wieder gekühlte Getränke für die Bürger – auf seine Kosten. Denn er ist so etwas wie ein Friedensrichter für sie, wenn sie eine Entscheidung brauchen, die sie selbst nicht fällen können. Dadurch, dass er bereits seit zwanzig Jahren hier ansässig ist, wird er allgemein anerkannt – so glaubt er es selbst gerne.

Eines Tages ändert sich dies schlagartig. Stedman wird als Streitschlichter gerufen, weil sich die zwei größten Familien im Ort in die Haare gerieten wegen eines Lamms, das im Stall der Montoyas gefunden wurde, aber von der Familie Grant für sich reklamiert wird. Es gelingt mit keiner Methode, dies zweifelsfrei zu klären. Gus Stedman verlegt somit die Entscheidung auf den nächsten Tag, denn dann wird das Lämmchen seine Mutter aufsuchen, weil es Hunger hat. Nach diesem Spruch gibt es gekühlte Getränke – und alle machen fröhlich mit!

Am nächsten Morgen aber ist das Lamm fort!

Nun beginnt eine Fehde zwischen den verhassten Familien, deren Feindschaft nur von einer dünnen Lackschicht verborgen wurde. Alle Dämme brechen auf; jeder muss sich zu einer der zwei Familien bekennen. Gus Stedman und sein Gehilfe Tony Salazar bleiben neutral, aber damit werden sie zu Außenseitern gestempelt, weil Gus halt doch nur ein “Gringo” ist.

Bei einem wöchentlichen abendlichen Tanzfest beginnen zwei junge Männer eine gewollte Rauferei, die von fast allen beklatscht und bejubelt wird. Am nächsten Tag wird Ernesto Montoya im Hof von Stedmans Store erstochen gefunden, getötet mit dem Messer von Esteban Grant! Doch der will es nicht gewesen sein, wird aber vom Sheriff verhaftet.

Indes kristallisiert sich immer mehr heraus, dass der Laden Stedmans von allen gemieden wird. Er wird zur “persona non grata”. Alle Freundlichkeit der hauptsächlich mexikanischen Einwohner ist fort. Sie legen ihm sogar nahe, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Doch Gus Stedman geht nicht weg, sondern bleibt. Es gibt nämlich ein Geheimnis um ihn, das keiner der Bewohner kennt. Er kniet sich regelrecht in diese Sache hinein, findet heraus, dass die junge Grant-Tochter Porfira, die ein kleines Luder und in Tony Salazar verknallt ist, etwas mit dieser Chose zu tun haben muss. Aber wie weit steckt sie wirklich drin?

Als dann noch die Verwandten der beiden Kontrahenten aufkreuzen und jeder von ihnen an die zwanzig Mann mitbringt, da reicht es Gus Stedman. Er holt aus seinem Laden zwei neue Revolver und aus einem Versteck in seiner Wohnung seinen alten Doppelholstergurt hervor und tritt damit vor die Leute. Jetzt bekommt er Aufmerksamkeit, denn alle können sehen, wie gut er mit diesen Waffen umgehen kann. Er aber weiß, dass er nur diese eine Nacht hat, um den wahren Mörder zu finden, denn morgen ist keine der Parteien mehr zu halten. Doch zuallererst muss er Porfira Grant finden, aber die wurde von einem Mann entführt – oder sie ging freiwillig mit ihm fort. Wer aber ist dieser Mann? Und ist er der gesuchte Mörder?

Mehr anzeigen... (Achtung-Spoiler!)

Es ist Ramon Vargas, der Clown, den im Ort keiner ernst nimmt. Doch er begann lange schon ein gefinkeltes Spiel, um an den Bewohnern eine grausame Rache zu vollziehen. Sie trieben vor langer Zeit seinen Vater mit einer wertlosen Mine in den Ruin und in weiterer Folge in den Tod. Dafür müssen sie mit ihrem eigenen Leben bezahlen! Darum benutzte er das Lamm, darum tötete er Ernesto Montoya und nach dessen Freilassung beinahe auch Esteban Grant. Gus Stedmans Gehilfe Tony kommt ihm auf die Schliche – und in der Mine seines Vaters finden sie ihn schließlich. Doch sie haben keine Chance gegen ihn! Nur ein kleiner Bub schießt ihm ins Bein, sodass er gefangen genommen werden kann.

Und Porfira Grant? Dieses junge Gör war wütend auf Tony Salazar, weil sich die kleine Teresa Montoya an ihn heranmachte. Aus Eifersucht wollte sie ihn bloßstellen und kam auf die dumme Idee, dass des Clowns Lamm in Tonys Stall gefunden werden sollte. Ramon Vargas, der sein eigenes Süppchen kochte, stellte sein Lamm in Montoyas Stall, um Rache an diesen ihm verhassten Menschen zu nehmen. So ging Porfiras Racheplan voll daneben – und der vom Dorfclown, den keiner für voll nahm, wäre fast gelungen!

GALERIE (4 Bilder)

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Fazit

Dieser Western ist etwas ungewöhnlich, weil er eigentlich keinen richtigen Helden aufweist. Denn weder Gus Stedman noch sein Gehilfe Tony Salazar haben vorerst das Zeug dazu. Storekeeper sind nicht gerade klassische Westernhelden. Aber der Autor taucht hier im letzten Drittel mit einer überraschenden Wendung auf: Stedman ist ein Revolvermann, der sich mit der bloßen Aura seines Auftritts Respekt einholt, selbst bei den wilden Verwandten der gegnerischen Familien. Doch es wird nicht klar, was für ein Revolverheld er früher war: ein böser oder ein guter. Das kann aber an den Kürzungen zum Originalroman liegen, dass dadurch gerade die dies erklärenden Passagen der Schere zum Opfer fielen.

Oder der Autor ließ es bewusst im Vagen. Es scheint mir, ihm wäre viel wichtiger gewesen, die stetig hitziger werdende Stimmung zwischen den Fehdeparteien aufzuzeigen. Und dies macht er virtuos. Als Leser hat man stets das Gefühl, jetzt und jetzt muss das Pulverfass explodieren – aber Frank O’Rourke lässt uns weiterhin zappeln, fügt neue, recht interessante Figuren hinzu und treibt das hitzige Geschehen im heißen Sommer von New Mexico stetig höher. Schließlich zaubert er einen Mörder aus dem Hut, mit dem man nicht rechnete. Obwohl es zu Beginn einen kleinen Hinweis gab: Das Lamm lief einmal zu dem Mann hin und schmiegte sich an seine Beine, während es beide Mutterschafe völlig ignorierte. Niemand dachte sich bei dieser Szene etwas, auch ich als Leser nicht!

Sehr guter und fesselnder Schreibstil und daher eine klare Leseempfehlung von mir!

Gottfried Marbler, Juli 2022

 Bewertung

8 von 10 Revolverkugeln



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