Overland Stage – G.F. Unger

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Overland Stage – G.F. Unger

Rezension


Leseversion: G.F. UNGER TB Band 45222
Verlag: Bastei
Veröffentlicht: 2000
Status: Erstauflage
Nachdrucke (u.a.): G.F. UNGER SONDEREDITION Band 210 (RH und eB)
Seiten: 159


Autor: G.F. Unger
Realname: Gert Fritz Unger

Galerie Fazit

Veröffentlicht: 23.06.2022

Rezension von Gottfried Marbler

Hintergrund

Die Überland-Postkutschen haben ihren nicht unbeträchtlichen Anteil im geschichtlichen Ranking des „Wilden Westens“ sicher. Ohne diese schnellen Transporte von Menschen und sonstigem Frachtgut wäre einiges in der Erschließung des Westens langsamer vonstatten gegangen. Aber es muss sich um wahrhaft höllische Fahrten gehandelt haben! Die Straßen verdienten zumeist diese Bezeichnung nicht, waren oftmals nur mehrere Furchen am Weg. Das Platzangebot in der Kutsche war ziemlich beengt. Es war im Sommer heiß, stickig und staubig, im Winter oft eisig kalt. Die Kutschen rumpelten, stießen, „bockten“, schwankten wie Schiffe in stürmischer See hin und her. Viele Passagiere wurden wohl „seekrank“ bei den Fahrten, stießen sich die Köpfe oder andere Körperteile gegenseitig an. Gar nicht zu reden von Wirbelsäulen- und Bandscheibenproblemen. Nicht alle kamen an ihr Ziel, weil sie Opfer von Unfällen, Wetterkapriolen, Indianer- und Banditenüberfällen wurden.

Inhalt

Big Jim Coburne wähnt sich als Glückspilz, hat er doch 36 Gespannpferde verkauft, diesen Erlös bei einem scharfen Pokerspiel verdoppelt und steht nun einer wunderschönen jungen Frau gegenüber, die ihn aus der Pokerrunde herausholte. Nun wird es ernst für Jim: Isabella Sullivan braucht ihn als Fahrer ihrer Kutsche nach River Bend an der Mündung des Pecos Rivers in den Rio Grande. Sie muss beweisen, dass sie das Erbe ihres Vaters antreten kann, um die Konzession für die Linie Taos in New Mexico nach River Bend in Texas zu bekommen. Ein Konkurrent will diese Linie haben und setzt alles daran, sie zu schädigen, wo er nur kann. Der richtige Fahrer wurde kurz zuvor angeschossen und fällt deshalb aus.

Jim überlegt nicht lange; er ist der schönen Frau bereits verfallen und will sie unbedingt für sich haben. Er setzt sich auf den Kutschbock und fährt mit Latigo John als Begleitfahrer und Isabella als Mitreisende los, beginnt eine fast 1.000 Meilen lange Gewaltfahrt mitsamt sechs weiteren Passagieren. Und sogleich geht es auch bei seiner Fahrt los. Ihre Gegner schrecken vor nichts zurück, beschießen sie und töten das Personal zweier 30 Meilen voneinander entfernt liegenden Pferdewechselstationen. Sie treiben die Pferde weg, zünden die Prärie an – wie soll Jim Coburne das alles überwinden können! Er ahnt immer mehr, dass er sich auf ein Himmelfahrtskommando einließ. Aber er ist ein Kämpfer, der sich durch nichts aufhalten lässt, wenn er ein wertvolles Ziel vor Augen hat – und dieses Ziel ist River Bend und Isabella Sullivan. Viele Ziele kann man sich stecken, jedoch nicht alle Ziele sind erreichbar.

Passagiere stiegen ein, stiegen aus, neue steigen ein. Nicht alle scheinen Jim und Latigo koscher zu sein. Ihnen ist klar, dass sie es darauf ankommen lassen müssen. Es wird sich erweisen, dass Jim sich in seiner Befürchtung nicht täuschte…

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Will Platten als Lektor machte seine Sache ausgezeichnet: Es gibt fast keine Rechtschreibfehler! Ein kleiner Schnitzer hebt sich jedoch besonders hervor, weil er so gar nicht zu dem Hintergrund passt, den ich weiter oben beschrieb:
“Die Kutschen rumpelten, stießen, „bockten“, schwankten wie Schiffe in stürmischer See hin und her.”

Auf Seite 141 steht aufgrund eines einzigen falschen Buchstabens folgender Satz:
Oder sollte Isabella Sullivan nur deshalb entführt werden, damit die Pecos Valley Overland Stage Couch Line besitzlos wird?

Stimmte dieser Satz, wäre das Reisen mit den Kutschen ein wahres Vergnügen gewesen!
Es muss natürlich heißen: “Pecos Valley Overland Stage Coach Line”.

GALERIE (3 Bilder)

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Fazit

Als G.F. Unger diesen Roman verfasste, war er um die 79 Jahre alt. Aber nichts ist es mit einem öden Alterswerk, nein, er greift hier in die Vollen. Der Plot legt gleich von der ersten Seite an so richtig los und steigert sein Tempo entsprechend der Fahrt mit der Overland Line kontinuierlich an. Er war schon ein Großer seines Fachs, das muss man ihm lassen. Selbst von seiner sonst gern angewandten Moralität ist hier fast nichts zu bemerken. Da geht es oft hart und gnadenlos zur Sache. Gut so!

Gewiss wäre es den Banditen möglich gewesen, die Stage Coach samt Fahrer und Insassen in einem konzentrierten Angriff zu erledigen. Aber da fiel dem Autor ein Gag ein, der es ihm gestattete, dies zu verhindern. Der Gag kommt auch schlüssig herüber.

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Der Oberschurke in River Bend ließ verkünden, dass der- oder diejenigen 1.000 Dollar erhalten, die nachweisen könnten, Personal und Kutsche so erledigt zu haben, dass einer Übernahme der Konzession nichts mehr im Wege stünde. Dass 1.000 Dollar für einen oder zwei Mann gewinnbringend sind, liegt auf der Hand. Bei mehr Männern bliebe nicht viel für den Einzelnen übrig. Niemand rechnete damit, dass Jim Coburne auf dem Bock sitzen würde. Als sie dies realisieren, ist es beinahe zu spät.

Es gibt jedoch einen Wermutstropfen: Der Showdown ist so kurz, dass man ihn fast nicht wahrnimmt. In einer knappen Seite ist alles erledigt. Der direkte Kampf dauert gar nur sieben kurze Zeilen! Das hätte schon ein bisschen breiter ausgewalzt werden sollen. Dann gibt es noch eine dreiviertel Seite, in der ein Zeitungsbericht den Ausgang nacherzählt.
Und Ende! Das drückt die Punkteanzahl leider um eine Revolverkugel herunter.

Davon abgesehen: Toller Roman, der es wert ist, gelesen zu werden.

Gottfried Marbler, Juni 2022


 Bewertung

9 von 10 Revolverkugeln



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